Vollständiges Interview zur Deutschen Meisterschaft 2011

Veröffentlicht auf von Joachim Vogl

Ergänzend zu dem heute im Starnberger Merkur veröffentlichten Interview ist hier die vollständige Version zu lesen:

 

Etterschlag – Es war der Tiefpunkt in seiner Laufbahn. Bei den Deutschen Meisterschaften 2011 in München-Hochbrück gewann Joachim Vogl nur eine einzige Medaille. Neben der Ausbeute stimmten vor allem die Ergebnisse nachdenklich. Während der Sportschütze aus Etterschlag mit dem Luftgewehr ein ordentliches Resultat verbuchte, blieb er in seiner Paradedisziplin Armbrust 10 Meter deutlich unter seinen Möglichkeiten. Merkur-Mitarbeiter Christian Heinrich sprach mit dem mehrfachen Deutschen Meister und Deutschen Rekordhalter über den Herbst seiner Karriere.

 

Herr Vogl, was war mit Ihnen eigentlich bei den Deutschen Meisterschaften los?
Sagen wir es mal so: Für die Situation, in der ich mich befinde, waren die Ergebnisse gar nicht so schlecht, wenngleich ich mit meinen Leistungen und der Ausbeute im Vergleich zu früheren Meisterschaften alles andere als zufrieden bin. 

 

Erstaunlich war, dass Sie keine Trendwende einleiten konnten. Warum ging es von Wettkampf zu Wettkampf immer nur bergab?
Sie kennen das: Sie strengen sich für etwas Bestimmtes unglaublich an – immer wieder und wieder und wieder. Und dennoch sind Sie mit dem Ergebnis unzufrieden. Irgendwann fehlt Ihnen einfach die Kraft und in der Leistungsspirale geht es nur noch in eine Richtung – nämlich nach unten. Es ist schwer, so etwas zu akzeptieren, vor allem dann, wenn man sich viele Jahre am Leistungslimit bewegt und ein paar Rekorde aufgestellt hat.

 

Der Einbruch in Hochbrück kam nicht aus heiterem Himmel. Die ganze Saison über quälen sie sich schon durch die einzelnen Wettbewerbe. Warum erreichen Sie nicht ihre Höchstform?
Eine Vielzahl von verschiedenen Dingen, mit denen ich schon seit längerer Zeit zu kämpfen habe, wirken sich mittlerweile auch negativ auf mein Leistungsvermögen aus. In den entscheidenden Momenten ist die Konzentration zwar immer voll da, aber die Leistung und der Erfolg bleiben aus. Ich hoffe aber darauf, dass sich ein paar Dinge grundlegend ändern, so dass ich wieder zu alter Stärke zurückfinde. Denn ich bin mir sicher, noch einige Titel holen zu können, wenn das Umfeld stimmt.

 

Sie befinden sich zwischen drei und sieben Ringen unter Ihrem eigentlichen Leistungsniveau. Macht da Ihnen das Schießen überhaupt noch Spaß?
Ganz ehrlich: nein. Ich übe den Schießsport nicht wie anfänglich deswegen aus, um an einer Meisterschaft teilzunehmen, sondern um diese zu gewinnen. Fehlt der Erfolg, den man an der Leistung, also einer bestimmten Ringzahl, oder an Medaillen festmachen kann, bleibt auch der Spaßfaktor weitestgehend auf der Strecke. Insofern kann ich auch die Teilnehmer einer Deutschen Meisterschaft nicht verstehen, die sich für so einen Wettkampf zwei Wochen Urlaub nehmen, teilweise quer durch die ganze Republik fahren, um dann Vorletzter zu werden. Für mich käme das nicht in Frage.

 

Aber es gibt doch viele Schützen, die stolz darauf sind, sich für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert zu haben?
Natürlich. Und ich verstehe das auch. Aber wenn zum Beispiel ein Schütze seine Bestleistung bei der Landesmeisterschaft, also bei der Qualifikation für die Deutsche Meisterschaft, schießt und damit auf den Ring genau das Limit erreicht, wird er nie die Chance haben, Deutscher Meister zu werden. Da ist ungefähr so, wie wenn ich weit springen kann und deswegen versuche, über die Isar zu hüpfen. Da weiß man schon im Vorfeld, wie es bestenfalls ausgehen wird.

 

Ihre Prioritäten haben sich in den vergangenen Jahren verschoben. Ist Leistungssport angesichts von Familie und Beruf noch möglich?
Ganz offensichtlich nicht, aber ich versuche es trotzdem weiterhin, denn einfach aufgeben kann und will ich auch nicht – zumindest nicht nach nur einer schwachen Saison. Und solange ich noch Titel einfahre, selbst wenn es nur Mannschaftstitel sind, wie Anfang dieses Jahres in der Luftgewehr-Bundesliga oder bei der 21. Armbrust-Europameisterschaft im Juni 2011, werde ich um meine alte Form kämpfen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass man sich für solche Wettkämpfe, für die eine gewisse Leistung erforderlich ist, auch erstmal qualifizieren muss.

 

     Joachim Vogl auf Mallorca 2011   

Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf:
Joachim Vogl bei der Regenaration vom 7. bis 14. September 2011 auf Mallorca.
Foto: Peggy Vogl

 

Sie gehören zu den Altgedienten in der Schützenklasse. Beschäftigen Sie sich langsam mit dem Aufhören?
Das ist ein Thema das mich ständig und schon sehr lange begleitet. Bereits 1999, als ich mich erstmals für eine Armbrust-Weltmeisterschaft qualifiziert hatte und als Mannschaftsweltmeister nach Hause kam, dachte ich ans Aufhören. Schließlich war mein ursprüngliches Ziel nur, einmal der Nationalmannschaft und damit zu den Besten dieses Landes anzugehören. Eine WM stellt aus sportlicher Sicht alles andere in den Schatten. Gewinnt man diese, kann man vorübergehend schon die sportliche Perspektive verlieren, so wie das damals bei mir der Fall war. Letztlich habe ich aber in all diesen Jahren weitaus mehr erreicht, als ich mir jemals erträumt hätte.

 

Wie schwer fällt der Gedanke, von der großen Bühne abzutreten und nur beim Vereinsabend in Etterschlag zu schießen?
Einerseits wünsche ich mir das sogar sehr, weil sich dadurch meine Situation auch entspannen könnte. Andererseits bin ich mit 37 Jahren noch nicht bereit, auf Meisterschaften – vor allem mit der Armbrust – zu verzichten. Womöglich höre ich etwas zu früh auf und verschenke dadurch die eine oder andere Meisterschaft. Fakt ist, dass ich spätestens mit dem Wechsel in die Altersklasse aufhören werde, Meisterschaften zu schießen. Denn wenn man es bis mit Mitte Vierzig nicht geschafft hat, sportliche Erfolge zu feiern, macht man sich aus meiner Sicht unglaubwürdig.

 

Im Oktober beginnt die neue Saison in der Luftgewehr-Bundesliga. In der vergangenen absolvierten Sie für den Bund München nicht alle Wettkämpfe und fehlten auch beim Finale in der Startfünf. Wie lauten Ihre Ziele für dieses Jahr?
In der vergangenen Saison hatten wir den bisher größten und stärksten Kader beim Bund München und sind deshalb auch verdient Deutscher Meister geworden. Vor dem Finale gelangte ich aus beruflichen Gründen in einen Trainingsrückstand, der dazu führte, dass unser Trainer Hans Riederer, zweifacher Doppelweltmeister sowie Bronze-Medaillengewinner der Olympischen Sommerspiele von Seoul 1988 und Barcelona 1992, vorsichtshalber auf Schützen mit mehr Praxis setzte. Seine Rechnung ging auf und damit haben wir letztlich alle gewonnen.  
Mein Ziel für die bevorstehende Saison ist, wie auch schon in den vergangenen Jahren, möglichst viele direkte Vergleiche zu gewinnen, um damit mein Team zu unterstützen, zumal die bevorstehende Saison vermutlich meine letzte sein wird. Denn nach 15 Jahren Luftgewehr-Bundesliga und drei Deutschen Meistertitel darf man durchaus einen ersten Schritt in Richtung Kariereende wagen.

 

Wie groß ist bei aller Nachdenklichkeit die Hoffnung auf einen goldenen Herbst in Ihrer Karriere?
Wie gesagt, ich bin davon überzeugt, nochmals so richtig auftrumpfen zu können, sofern die Rahmenbedingungen stimmen.

Das Gespräch führte Christian Heinrich


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